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Medien

Cyberkriminalität: Bericht von Nico Betzen, Mitglied des Luxemburger Handwerkerverbands Fédération des Artisans

Mit vereinten Kräften gegen Cyberkriminalität: Die Banque de Luxembourg und die Fédération des Artisans möchten mit einer Sensibilisierungskampagne Unternehmerinnen und Unternehmern, die Cyberkriminalität erlebt haben, eine Stimme geben. Im Interview mit der Banque de Luxembourg erzählt Nico Betzen, Geschäftsführer der „Ferronnerie d‘Art Nico Betzen S.A.“ unserem Leiter Business Development Enterprises Charles Sunnen und unserem Chief Information Security Officer Samuel Lamort, wie der Angriff in seiner Firma ablief, und gestattet uns damit wertvolle Einblicke in die konkreten Risiken. Diesem ersten Erfahrungsbericht werden in den kommenden Wochen noch weitere folgen.

Charles Sunnen: Bitte stellen Sie uns Ihr Unternehmen kurz vor.

Nico Betzen: Nach einer „Tour de France“ bei der Firma Compagnons du Devoir in Frankreich habe ich 1989 in Luxemburg meine Kunstschmiede gegründet. Heute haben wir rund 40 Beschäftigte und stellen für Kunden in ganz Luxemburg und im Ausland maßgefertigte Metall-Schmiedearbeiten her – Treppen, Geländer, Verkleidungen und sonstige Architekturobjekte.


Von unten nach oben und von links nach rechts: Nico Betzen – Geschäftsführer der Kunstschmiede „Betzen Ferronnerie d‘Art“, Charles Sunnen, Leiter Business Development Enterprises bei der Banque de Luxembourg, Samuel Lamort, Chief Information Security Officer bei der Banque de Luxembourg und Alain Kintzelé, Unternehmenskundenberater bei der Banque de Luxembourg.

CS: Ihr Unternehmen war von einer Cyberattacke betroffen. Wie lief der Angriff ab?

NB: Alles begann mit einer E-Mail. Sie schien von einem Lieferanten zu kommen, mit dem wir täglich zusammenarbeiten, und enthielt eine Rechnung. Im Anhang war ein PDF-Dokument mit dem Titel
„Rechnung“. Als ich den Anhang anklickte, installierte sich unbemerkt eine Schadsoftware auf meinem Bürorechner. Ich dachte, es sei eine kleine Fehlfunktion, also habe ich die Datei einfach geschlossen und normal weitergearbeitet. Vor allem führte ich ein paar Zahlungen durch und bestätigte sie mit meiner LuxTrust-Karte, die im Lesegerät an meinem Computer steckte. Leider beobachtete mich dabei jemand aus der Ferne – insbesondere beim Eingeben meines LuxTrust-Passworts. So blieb der Login die ganze Nacht auf meinem Rechner aktiv und die Person konnte in meinem Namen Überweisungen tätigen.

CS: Wer hat den Vorfall entdeckt und wie?

NB: Zwei Tage nachdem ich diese Mail erhalten hatte, kontaktierte mich meine Bank und bat mich um Bestätigung einer ungewöhnlichen Überweisung nach Frankreich. Das beunruhigte mich und mir wurde klar, dass etwas nicht stimmte, denn dieser Überweisungsauftrag stammte nicht von mir. Ich prüfte also die Kontobewegungen der letzten Tage und machte alle meine Beschäftigten und Geschäftspartner darauf aufmerksam. Bei dieser Überprüfung stellte ich fest, dass einige Überweisungen mit meiner gestohlenen Identität durchgeführt worden waren.

Ich bemerkte, dass die Überweisung mehrerer Tausend Euro auf mir unbekannte Konten unmittelbar bevorstand. Deshalb habe ich sofort meine Teams informiert und wir haben sämtliche LuxTrust-Karten aus den Lesegeräten entfernt.

CS: Welche unmittelbaren Auswirkungen hatte dieser Vorfall auf Ihr Unternehmen?

NB: Im Nachhinein wurde mir bewusst, dass wir Glück gehabt hatten: Durch das Abziehen der LuxTrust-Karten konnten wir alle Überweisungen rechtzeitig stoppen. Wir informierten sofort alle unsere internen und externen Partner, dass wir Opfer einer Cyberattacke geworden waren. Anschließend haben wir unsere Sicherheitsvorkehrungen noch einmal deutlich verstärkt. Das kostete viel Zeit und Mühe: Anrufe, Prüfungen, Sicherung unserer Infrastruktur und Dokumentation des Vorfalls.

CS: Hat sich durch dieses Ereignis die Strategie Ihres Unternehmens in Bezug auf Cyberkriminalität geändert?

NB: Absolut. Durch diesen Vorfall wurde uns klar, dass niemand davor sicher ist und dass Cyberattacken nicht nur große Finanzinstitute ins Visier nehmen. Ich selbst habe meine Gewohnheiten geändert und misstraue nun jeder eingehenden Nachricht. Zudem haben wir alle unsere Beschäftigten sensibilisiert, denn wir hätten schwere Verluste erleiden können. Seitdem ist es zum Beispiel verboten, die Karten in den Lesegeräten stecken zu lassen. Letztendlich ist nichts lehrreicher als ein solches Ereignis: Es hat unsere Sicht auf die Dinge grundlegend verändert.

Wir haben alle unsere Beschäftigten sensibilisiert, denn wir hätten massive Verluste erleiden können.

CS: Was sagen Sie denjenigen die denken, das passiere immer nur den anderen?

NB: Die Vorstellung, dass Cyberkriminelle nur große Unternehmen im Visier haben, ist falsch. Tatsächlich sind wir alle potenzielle Angriffsziele, schon allein durch unsere Zahlungsabwicklung. Ein Cyberangriff muss nicht besonders raffiniert sein. Oft täuscht uns ein bekanntes Logo, eine PDF-Datei oder eine Nachricht mit einem ungewöhnlichen Tonfall. Der beste Schutz ist und bleibt die eigene Wachsamkeit, und Erfahrungsaustausch ist eine sehr gute Möglichkeit, alle Beteiligten zu sensibilisieren.

Tatsächlich sind wir alle potenzielle Angriffsziele, schon allein durch unsere Zahlungsabwicklung.

CS: Samuel, welche Schlüsse ziehen Sie aus diesem Fall und welche Automatismen empfehlen Sie?

Samuel Lamort: Dieser Fall zeigt exemplarisch, dass schon ein einziger Klick – wie das Öffnen eines PDF-Dokuments – ernste Konsequenzen haben kann. Daher sind bewährte Praktiken und das konsequente Einhalten bestimmter Regeln für diese Art des Cyberangriffs besonders wichtig:

  • Prüfen Sie jede von außen eingehende E-Mail (Absenderadresse, Anweisungen in den E-Mails ...) oder Telefonanrufe (Ihre Bank oder LuxTrust fragen niemals nach persönlichen Daten) auf Legitimität.
  • Reagieren Sie schnell: Geschieht nach dem Öffnen eines Anhangs etwas Ungewöhnliches, sollten Sie sofort den Rechner vom Netzwerk trennen und ihre Kollegen informieren.
  • Warnen Sie Ihre Bank: Informieren Sie Ihre Bank über Verdachtsfälle, damit sie Zahlungen gegebenenfalls blockieren kann. Bei Nutzung der App LuxTrust Mobile wenden Sie sich an den LuxTrust-Support und lassen Ihre ID sperren.
  • Holen Sie fachlichen Rat ein: Lassen Sie Ihr Gerät von einer qualifizierten Person technisch überprüfen. War der Cyberangriff erfolgreich, so erstatten Sie Anzeige bei der Polizei und lassen Sie Ihren Computer von einer Fachperson untersuchen oder wenden Sie sich an CIRCL (https://circl.lu/).
  • Nutzen Sie starke Validierungsverfahren: Wo immer dies möglich ist, sollte das Vier-Augen-Prinzip (zwei Unterschriften oder doppelte Validierung) eingeführt werden, um die Sicherheitsmaßnahmen zu stärken, denn wenn zwei Unterschriften benötigt werden, muss mehr als ein Rechner kompromittiert werden, um eine Überweisung auszulösen.
  • Halten Sie Ihre Sicherheitssoftware aktuell: Führen Sie regelmäßige Updates der Antivirensoftware und Sicherheits-Patches Ihres Betriebssystems und der installierten Software (Internetbrowser usw.) durch.
  • Arbeiten Sie mit Fachleuten: Lassen die Sicherheit Ihrer Infrastruktur mindestens einmal jährlich von Spezialisten überprüfen (und testen). Expertinnen und Experten können prüfen, ob Sie über bewährte Sicherheitsverfahren verfügen, und Ihre Beschäftigten für Cyberkriminalitäts-Risiken sensibilisieren.

BLEIBEN SIE STETS WACHSAM

Dieser Erfahrungsbericht zeigt: Kein Unternehmen, unabhängig von seiner Größe oder seiner Branche, ist vor Cyberangriffen sicher. Angesichts der Bedrohungen, die sich aus unserer Alltagsroutine ergeben – Dokumente öffnen, Zahlungen bestätigen usw. – ist die konstante Wachsamkeit aller Beschäftigten die beste Verteidigung.

WEITERE CYBERANGRIFFE

Neben dem hier beschriebenen Fall gibt es noch zahlreiche weitere Beispiele für Cyberangriffe.

Zur Sensibilisierung ihrer Kundschaft unterhält die Bank eine Website, auf der Anzeichen für Betrugsversuche und Handlungsempfehlungen beschrieben werden:

 
Anzeichen für Betrugsversuche erkennen und angemessen reagieren
Im digitalen Zeitalter werden die Bedrohungen immer häufiger. Betrugsversuche entwickeln sich ständig weiter.
Miniature fraude

In Luxemburg stehen Unternehmen und Privatpersonen mehrere Tools zur Verfügung:
Finanzielle Unterstützung des Staates von bis zu 25 000 EUR (netto)
Diagnose der Cybersicherheit in Unternehmen
Scannen von Dateien zur Ermittlung von Schadsoftware
Scan-URL zur Ermittlung schädlicher Links
SpamBee
Website zur Sensibilisierung von Bürgerinnen und Bürgern.