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Medien

Kapital sinnstiftend anlegen: Der Begriff des „Sinnvermögens“

Vom Besitz zur Beziehung: Vermögen wird weiblicher. Wird dadurch unser Verhältnis zu Geldanlagen und Vermögensweitergabe neu definiert?

Vermögen war lange Zeit Männersache. Schon im römischen Reich war „patrimonium“ das Vermögen, „matrimonium“ hingegen die Ehe, die den Fortbestand der Familie sichert. Im Französischen ist Vermögen noch heute das „patrimoine“.
In den Lebensentwürfen von Frauen erfährt Vermögen eine ganz neue Deutung. Vermögen wird nach ganzheitlichen, oft von Frauen gedeuteten Gesichtspunkten verwaltet. Das so entstehende „matrimoine“ oder „Sinnvermögen“ ist kein bloßes Ausgleichen eines unausgewogenen Verhältnisses aus der Vergangenheit, sondern es entsteht eine ganz eigene Vermögenskultur, die bewusst stärker auf sinnstiftende Elemente setzt. Diese Entwicklung betrifft uns alle.

„Patrimoine“ – Geldvermögen – definiert den Besitz selbst
„Matrimoine“ –Sinnvermögen – definiert dessen Bedeutung

Historische und emotionale Zusammenhänge

Im Stadtteil Limpertsberg der Stadt Luxemburg gibt es zwei Schulen. Eine war früher ein Knabengymnasium, in der anderen wurden nur Mädchen unterrichtet. Ab 1972 wurde an beiden Schulen der gemeinsame Unterricht eingeführt, das ehemalige Mädchengymnasium heißt nun „Lycée Robert Schuman“. Das ist 53 Jahre her. Für junge Menschen mag sich das wie eine Ewigkeit anfühlen, in der Geschichte ist es nur ein Wimpernschlag.

Unterricht in gemischten Klassen, früher völlig undenkbar, ist heute selbstverständlich. Eine ähnliche Entwicklung nimmt der Begriff des Vermögens. In Frankreich mussten Ehefrauen noch bis 1965 eine Genehmigung ihres Ehemanns vorweisen, wenn sie ein Konto eröffnen wollten. In Luxemburg und Belgien war das bis Ende der 1970er Jahre so. Die vollständige wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen ist also eine relativ neue Errungenschaft, und vollständig umgesetzt ist dieser Aspekt der Emanzipation noch immer nicht.

Rein rechtlich herrscht zwar Gleichberechtigung. Bei der Vermögensverteilung gibt es aber noch Unterschiede; unsere Vorstellung von Vermögen erfährt derzeit einen grundlegenden Wandel. Was wäre also, wenn das „patrimoine“, das Geldvermögen, zum „matrimoine“, dem Sinnvermögen, würde?

Sinnvermögen als neuer gesellschaftlicher Maßstab

Vor diesem Hintergrund hat die Banque de Luxembourg eine qualitative Studie unter 300 Frauen in Frankreich, Belgien und Luxemburg durchgeführt. Sie wollte verstehen, wie diese Frauen anhand ihrer Lebensläufe die Vermögensverwaltung neu definieren (Studie von Sociolab International aus dem Jahr 2022 für die Banque de Luxembourg)..

Sinnvermögen ist wie ein Spiegel: es reflektiert zwei Grundströmungen, die unsere Gesellschaft verändern.

Zum einen untermauert es die echte Gleichberechtigung. Im Bildungswesen existiert sie bereits, bei der Vermögensverteilung entwickelt sie sich noch, wenn auch holprig. Der Gender-Pay-Gap, Brüche in weiblichen Lebensläufen und geringere Renten von Frauen zeigen, dass noch ein weiter Weg vor uns liegt.

Nicht nur die Machtverhältnisse verschieben sich, auch der Blickwinkel wird ein anderer.
Zahlreiche Studien, wie auch unsere, zeigen: Frauen, die ihr Vermögen selbst verwalten – oft nachdem sie ihren Partner durch Tod oder Trennung verloren oder nachdem sie ihr Leben neu ausgerichtet haben – verbinden mit Geld weniger die reine Wertentwicklung als vielmehr Unabhängigkeit und Schutz. Das Kapital ist nicht mehr die Festung, die es zu verteidigen gilt, sondern ein Ökosystem, das man erhalten muss.

Außerdem entspricht der Begriff des Sinnvermögens einer unleugbaren demografischen Realität: Frauen leben öfter alleine und sie leben länger. Dieses freiwillige oder unfreiwillige Alleinsein bedeutet mehr Verantwortung und kompromisslose finanzielle Unabhängigkeit. Es gilt, über die eigene Lebenszeit hinaus zu denken und zu planen, um die Weitergabe des Vermögens möglichst gut zu sichern. In diesem Kontext wird Sinnvermögen zu einem Wegweiser für eine lange und oft einsame Reise, auf der das Kapital nicht nur den Lebensunterhalt, sondern auch die Fortführung eines Lebensprojekts sichern muss.

Sinnvermögen oder die Seele des Kapitals

Sinnvermögen nur in Bezug auf das Geschlecht zu betrachten, hieße allerdings, seinen Wesenskern außer Acht zu lassen. Sinnvermögen ist die sensible Seite des Geldvermögens. Die Grundbedeutung von „matrimonium“ war eine Vereinbarung, die das Fortbestehen der Familie sicherte – durch immaterielle Dinge wie Aufmerksamkeit, Fürsorge, Erziehung.

Heute definieren wir Sinnvermögen als Verbindung zwischen Kapital, Erinnerung, Sorgfalt und Sinnhaftigkeit. Der wichtige Unterschied:

  • Kapitalvermögen ist das Gerüst der Vermögenswerte. Es beantwortet die Frage nach Besitz und Schutz und folgt der Logik des Beherrschens, der Optimierung und der Sicherheit. Es ist der Kapitalstock, das Strukturkapital.
  • Sinnvermögen ist eine Biografie in Zahlen. Es beantwortet die Frage nach Sinn und Zweck des Vermögens und nach dessen Weitergabe. Es folgt der Logik des Pflegens, der Beziehung und der Bedeutung. Es ist der Kapitalstrom, der Sinn des Kapitals, eine Reihe von Entscheidungen, Familiengeschichten und Weitergaben, die den „Assets“ eine Form geben.

Kapitalvermögen konsolidiert Werte, Sinnvermögen haucht ihnen Leben ein. Das eine ist das Skelett, das andere das Nervensystem. Sie ergänzen sich und werden immer mehr zur untrennbaren Einheit.

Die emotionale Intelligenz des Kapitals: von der Performance zur Bedeutung

In einer Welt, in der Vermögen schneller übertragen als aufgebaut werden, reicht Rendite allein nicht mehr aus. Es geht weniger darum, was ein Vermögen einbringt, sondern eher darum, welche Bedeutung es hat.

Sinnvermögen ergänzt die Vermögensverwaltung um emotionale Intelligenz. Dabei wird anerkannt, dass jede Finanzentscheidung auch eine Gefühlsentscheidung ist. Wer in ein nachhaltiges Unternehmen investiert, ein Familienerbstück restauriert oder eine Unternehmensnachfolge strukturiert, verfolgt den gleichen Gedanken: den des lebendigen Kapitals.

Zwei Situationen beobachten wir im Private Banking recht häufig:

  • Eine Witwe übernimmt nach dem Tod des Ehemanns die Verwaltung des Vermögens. Dabei hat die Sicherung des Kapitals nicht die erste Priorität, denn sie muss die Zahlen mit einem Lebensplan in Einklang bringen, der durcheinandergeraten ist. In der Beratung müssen wir von den reinen Sachzwängen zur echten Autonomie kommen: Ziele sind zu klären, Risiken zu priorisieren und eine langfristige Perspektive zu entwickeln.
  • Eine Unternehmerin möchte Kapital weitergeben, mit dem persönliche Werte verbunden sind. Dabei ist der finanzielle Wert nur ein Teilaspekt. Die Herausforderung besteht darin, die Weitergabe so zu strukturieren, dass sie mit ihrer beruflichen Ethik, ihrem Engagement, ihrem Verhältnis zur Arbeit und zum Erfolg übereinstimmt. Die Beratung muss also neben dem materiellen auch das immaterielle Vermögen einbeziehen.

Diese mit dem Kapital verbundene emotionale Intelligenz ist geschlechtsneutral und erfordert viel Erfahrung. Dazu gehört eine gewisse Reife und ein Verständnis von Zeit und Erhalt des Vermögens über Generationen hinweg, das Frauen eventuell etwas früher verstanden haben.

Es geht darum, dem Ganzen mehr Sinn zu verleihen: Performance, Verantwortung, Sicherheit und Bedeutung müssen miteinander in Einklang gebracht werden. Für eine Privatbank bedeutet das, dass sie ihre Beratung weiterentwickeln muss: von der rein fachlichen Expertise zum empathischen Eingehen auf das Gegenüber. Beraterinnen und Berater müssen nicht nur eine Bilanz lesen können, sondern auch ein Wertesystem oder eine Familiengeschichte bis hin zur Vorstellung davon, was schön und gerecht ist.

Mit dem Reichtum versöhnen

Sinnvermögen ist eine neue Art, über Reichtum nachzudenken. Es ist offen für all diejenigen, die ihr Kapital für etwas einsetzen möchten, das größer ist als sie selbst.

Wird das Sinnvermögen in die Überlegungen zum Kapitalvermögen eingebunden, dann kann man die menschliche Dimension des Kapitals einbeziehen, die sonst oft hinter Zahlen und Strategien verborgen bleibt. Kapitalvermögen ist oft unvollständig ohne diesen unsichtbaren Teil, der ihm Tiefe verleiht. Ihm fehlt die Weisheit der Beziehungen, die Sorge um die Zukunft, das Bewusstsein, Teil mehrerer Generationen zu sein und nicht nur den eigenen, individuellen Lebensweg zu gehen. Diese Dimension ist weder Beiwerk noch sentimental: Sie beleuchtet, wie wir unser Vermögen weitergeben und welche Spuren wir hinterlassen wollen.

Wie gut eine Vermögensverwaltung ist, lässt sich an Dingen messen, die über die reine Vermögensverwaltung hinausgehen. Daran, wie jede einzelne Person ihren Besitz mit dem in Einklang bringt, was sie verkörpert. Das Kapitalvermögen baut das Haus, das Sinnvermögen schafft die Atmosphäre, die ein Gebäude zu einem Lebensraum macht und ihm eine Seele verleiht.

Fazit

Der Begriff Sinnvermögen oder „matrimoine“ steht für einen wichtigen gesellschaftlichen Wandel, der auf drei einfachen Veränderungen beruht:

1. Frauen werden zu primären Verwalterinnen des privaten Kapitals

  • Sie erben mehr (Lebenserwartung, vertikale Weitergabe)
  • Sie verwalten das Vermögen immer öfter alleine (Trennungen, Tod des Ehepartners, eigene Karriere)

Das Gravitationszentrum des Vermögens verschiebt sich langsam aber sicher

2. Frauen haben ein anderes Verhältnis zu Geld: Sie orientieren sich an Sinn, Sicherheit und Wirkung

Unsere Studien haben ergeben:

  • Geld = Stabilität (mehr als Macht)
  • Weitergabe = Verantwortung
  • Geldanlage = im Einklang mit persönlichen Werten

Kapital wird vom Symbol der Dominanz zum Schutz- und Sinninstrument

3. Frauen entscheiden anders

Ihr Verhältnis zum Risiko, zur Zeit und zu familiären Verbindungen schafft eine neue Vermögenskultur:

  • vorsichtiger
  • längerfristig
  • stärker in der Realität verhaftet
  • aufmerksamer gegenüber der Wirkung auf die Menschen

Sie bringen eine beziehungsorientierte Dimension in die Vermögensverwaltung ein.