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Eines ist sicher: Die Weltwirtschaft wird mit einer noch höheren öffentlichen Verschuldung und noch größeren Haushaltsdefizits aus der aktuellen Krise kommen.

Ende vergangenen Jahres machten die Schulden der G-7-Länder zusammengenommen 120 % ihrer Wirtschaftsleistung aus. Ende 2020 wird dieser Wert bei 140 % liegen. Die Entscheidung der Staaten zum Lockdown im Kampf gegen das Coronavirus hat die Wirtschaft zum Stillstand gebracht. Um sie wieder ins Laufen zu bringen, wurden nun enorme Konjunkturprogramme aufgelegt. In der Finanzkrise vor 10 Jahren mussten wir uns an Milliardenbeträge gewöhnen (englisch: billions); heute gewöhnen wir uns an Billionen (englisch: trillions). Die angekündigten Summen zur Rettung der Banken, des Finanzsystems oder der Weltwirtschaft sind für den Normalsterblichen längst zu abstrakten Zahlen geworden. Und seltsamerweise spricht kaum jemand davon, wer diese Ausgaben eigentlich bezahlen wird.

Wie jeder Wirtschaftsakteur hat auch der Staat zwei Möglichkeiten, um seine Ausgaben zu finanzieren:

  • durch Einnahmen (in diesem Fall vor allem Steuereinnahmen) und
  • durch die Aufnahme von Schulden.

Beschränkt sich der Staat auf ersteres, kann er seine Ausgaben nur dann erhöhen, wenn er gleichzeitig auch die Einnahmen steigert. Dies wiederum ist nur dann möglich, wenn die Wirtschaft wächst oder die Steuern erhöht werden.

Die Aufnahme zusätzlicher Schulden ist für den Staat daher ein wichtiges Mittel, um seinen Handlungsspielraum zu vergrößern. Will er zum Beispiel eine Milliarde mehr ausgeben als ein ausgewogenes Budget ihm erlauben würde, kann er sich am Kapitalmarkt refinanzieren und eine Anleihe im Umfang von einer Milliarde begeben. Zu normalen Zeiten hätte er keine Schwierigkeiten, Anleger (Pensionsfonds, Versicherungen, Privatinvestoren, ...) zu finden, die zur Zeichnung der Anleihe bereit wären.

Wie hoch kann sich ein Staat verschulden?

In der Vergangenheit hätte man auf diese Frage folgende Antworten gegeben:

  • Die Kosten für den Schuldendienst werden irgendwann zu hoch. Selbst wenn man von der Hypothese ausgeht, dass Staaten ihre Schulden im Allgemeinen nicht zurückzahlen (und sie stattdessen kontinuierlich refinanzieren), müssen für diese Schulden Zinsen gezahlt werden. Werden die Zinszahlungen zu hoch, muss der Staat an anderer Stelle sparen.
  • Irgendwann schwindet das Vertrauen der Anleger. Sehen Anleger, dass sich das Verhältnis zwischen öffentlicher Verschuldung und Wirtschaftsleistung allzu deutlich verschlechtert, nimmt das Vertrauen in die Fähigkeit des Staates ab, seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Anleger werden dann keine Anleihen dieses Staates mehr zeichnen oder zumindest eine höhere Verzinsung (Nominalrendite) fordern.
  • Das Vermögen des privaten Sektors ist nicht unbegrenzt. Wenn der Staat massiv private Vermögen „anzapft“, passieren im Prinzip zwei Dinge: Zum einen erhöht sich gemäß dem Gesetz von Angebot und Nachfrage der Preis, zu dem diese Gelder bereitgestellt werden. Mit anderen Worten: Die Zinsen steigen. Zum anderen kommt es zu einem Verdrängungseffekt („Crowding out“), der dazu führt, dass es für den privaten Sektor immer schwieriger wird, sich zu finanzieren. Geht man von der Hypothese aus, dass private Ausgaben in der Regel produktiver sind als staatliche, ergeben sich hieraus negative Folgen für das Wirtschaftswachstum.

Die Inflation wird irgendwann steigen. Eine Erhöhung der öffentlichen Ausgaben führt auf die eine oder andere Weise zu einem Anstieg der Nachfrage. Werden die öffentlichen Ausgaben erhöht, um die Schwäche des privaten Sektors auszugleichen, hat dies keine Auswirkungen auf die Inflationsentwicklung. Werden sie jedoch erhöht, ohne dass die private Nachfrage besonders schwach ist, droht ein Inflationsanstieg, da das Angebot – zumindest kurzfristig – nicht mit der Nachfrage mithalten kann. Ein einfaches Beispiel soll dies verdeutlichen: Angenommen, in einem Land werden 100.000 Fahrzeuge jährlich produziert, von denen 70 % an den privaten Sektor verkauft werden und 30 % an die öffentliche Hand. Sinkt die private Nachfrage um 10 % (70.000 - 7.000), und steigt die öffentliche Nachfrage gleichzeitig um etwas mehr als 20 % (30.000 + 7.000), bleibt die Gesamtsumme unverändert bei 100.000. Da sich ansonsten nichts geändert hat, gibt es keinen Grund, warum die Preise steigen sollten. Wenn jedoch die öffentliche Nachfrage um 20 % steigt, ohne dass die private Nachfrage sinkt, steht einer Nachfrage von insgesamt 107.000 Fahrzeugen ein Angebot von 100.000 Fahrzeugen gegenüber. Die Folge sind steigende Preise. Aus diesem Grund lassen Wirtschaftswissenschaftler wie Keynes große Haushaltsdefizite nur in Phasen schwacher privater Nachfrage (und mithin schwacher Konjunktur) zu und fordern, dass starke Konjunkturphasen vielmehr genutzt werden sollten, um die öffentlichen Bilanzen auszugleichen.

Aus diesen Gründen besteht eine historische Korrelation zwischen hoher öffentlicher Verschuldung und schwachem Wachstum. Zu hohe Schulden der öffentlichen Hand führen zu einem Anstieg der Steuerlast, zu steigenden Zinsen und einer Verringerung der verfügbaren Mittel für den Privatsektor.

In der Vergangenheit haben die genannten Faktoren Staaten bei der Schuldenaufnahme Grenzen gesetzt. Heute gelten sie nach Auffassung mancher Wirtschaftswissenschaftler nicht mehr oder nur noch eingeschränkt. An dieser Stelle vielleicht drei Aussagen über Wirtschaftswissenschaftler und ihre Theorien:

  1. Die Wirtschaftswissenschaft ist keine exakte Wissenschaft.
  2. Wirtschaftswissenschaftler lieben Theorien und sind meist davon überzeugt, dass das, was in der Theorie richtig ist, auch in der Praxis funktioniert. Oder, um die für ihre Aphorismen berühmt gewordene US-Baseball-Legende Yogi Berra zu zitieren: „In theory, there is no difference between theory and practice. In practice there is.“
  3. Wirtschaftswissenschaftler legen meist keine besonders große intellektuelle Demut an den Tag, wenn es darum geht, ihre Theorien dann in Frage zu stellen, wenn sie sich nicht bewahrheiten. (Das Verhalten der Notenbanken in den vergangenen Jahren verdeutlicht dies besonders anschaulich.)

Es ist wichtig, sich diese drei Punkte vor Augen zu führen, wenn man die Argumente derer analysiert, die meinen, Ausgaben in Billionenhöhe und kontinuierlich steigende öffentliche Schulden seien ohne Bedeutung. Ihre Argumente basieren großenteils darauf, dass die Zinsen heute extrem niedrig oder sogar negativ sind. Die Finanzierungskosten der Staaten sind daher zurzeit gleich null und der Schuldendienst niedrig. Warum sollten die Staaten die Situation also nicht nutzen, um ihre Ausgaben zu erhöhen? (Theorien wie die „Modern Monetary Theory“ (MMT) behaupten so, solange es nicht zu einer Inflation komme, könne der Staat so viel ausgeben, wie er wolle, da er – anders als andere Wirtschaftsakteure – die Möglichkeit habe, das benötigte Geld selbst zu schaffen. Die MMT ist damit eine der Theorien, die glauben machen wollen, man könne mehr Reichtum schaffen, einfach, indem man immer mehr Geld druckt. Solche Theorien hätte man bislang eher mit manchen Staaten Lateinamerikas in Verbindung gebracht...).

Dem könnte man entgegenhalten, dass die Zinsen zwar derzeit niedrig sind, es aber nicht notwendigerweise bleiben werden. Sollten die Zinsen irgendwann wieder steigen, würde der Schuldendienst für die bis dahin angehäufte öffentliche Verschuldung extrem teuer. Zudem müsste man dann auch noch Käufer finden für all die vom Staat begebenen Anleihen. Das Sparvermögen des privaten Sektors ist schließlich begrenzt, und der Kauf von Staatsanleihen, die keinerlei Rendite bieten, ist für die meisten Anleger nicht besonders attraktiv. 

Hier kommen die Notenbanken ins Spiel...

In den 1970er-Jahren erkannte man, dass eine durch neues Zentralbank-Geld finanzierte Haushaltspolitik zu einer schleichenden Inflation führt, die die Kaufkraft der privaten Haushalte erodiert und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ruiniert. Diese Einsicht führte seinerzeit zur politischen Unabhängigkeit der Zentralbanken. Da Politiker gern Geld ausgeben, um ihre Wiederwahl zu sichern, ist die Unabhängigkeit der Notenbank von der Regierung ein wichtiger Garant für Glaubwürdigkeit und Stabilität. Da sie nicht von Legislaturperioden bestimmt wird, ist die Notenbank eher in der Lage, das vorgegebene Ziel der Preisstabilität konsequent zu verfolgen. Die Regierung delegiert also ihre geldpolitische Autorität an eine „konservativ agierende Zentralbank“, die besser als sie selbst in der Lage ist, eine für die Wirtschaft insgesamt schädliche Inflation zu begrenzen.

Doch seit den 1970er-Jahren haben sich die Dinge deutlich geändert. Heute haben die Notenbanken einen neuen Gegner ausgemacht: die Deflation. Sie versuchen mit allen Mitteln, die Inflation zu fördern. Dabei vergessen sie, dass ein geringes Maß an Deflation ein Merkmal einer funktionierenden Marktwirtschaft ist. Sie ist dann das Resultat eines durch Produktivitätsgewinne und gesundem Wettbewerb erhöhten Angebots und spiegelt eine gestiegene Kaufkraft der Haushalte wider.  Deflation wird erst dann zum Problem, wenn die Verschuldung zu hoch ist oder wenn die Nachfrage sehr stark fällt. Dies ist dann der Fall, wenn die Leute das Vertrauen in die Zukunft verlieren. Ein solcher Vertrauensverlust entsteht oft nach dem Platzen einer spekulativen Blase (in Immobilien, in Aktien, ...), wobei diese Blasen meistens erst durch eine unverantwortliche Geldpolitik ermöglicht werden. Die Idee, dass Deflation schlecht sei, stammt daher, dass sie oft im Zusammenhang mit der großen Depression der 1930er-Jahre analysiert wird, welche eine Folge des Börsencrashs von 1929 war.

Inflation dagegen hat das Potenzial, eine ganze Wirtschaft zu zerstören. Sie bestraft die Werte, die die Grundlage der Wirtschaft bilden: Arbeit, Sparvermögen, Sparsamkeit. Warum sollte man heute hart arbeiten, wenn man von den Früchten seiner Arbeit morgen nicht leben kann? Warum sollte man sparen, wenn man sich von dem Ersparten nicht einmal eine Wohnung kaufen kann? Warum sollte man sich nicht einfach verschulden, wenn das Geld sowieso an Wert verliert? Unsere Gesellschaft als ganze gründet gewissermaßen auf einer Wette auf die Zukunft, die das Kapital ermöglicht: Investitionen, Innovationen, Kredite sind jeweils auf die Zukunft ausgerichtete Projekte, die durch die Inflation massiv gefährdet werden. Nicht ohne Grund gibt es in fast allen Sprachen das Sprichwort „Zeit ist Geld“. Die Inflation und negative reale (d. h. inflationsbereinigte) Zinsen bewirken jedoch, dass „Zeit“ nicht mehr „Geld“ ist, sondern „Geldverlust“.

Das Prinzip der Unabhängigkeit der Zentralbanken ging mit einem anderen Grundsatz einher, der bis vor Kurzem unumstößlich schien. Es war undenkbar, dass Schulden monetarisiert, d. h., dass Staatsausgaben direkt von der Zentralbank finanziert werden. (Übrigens haben sich die Zentralbanken bisher strikt gegen den Vorwurf der Monetarisierung der Schulden verwahrt. Sie argumentieren, die Anleihen, die im Rahmen der Programme zur quantitativen Lockerung („Quantitative Easing“) aufgekauft wurden, würden ja früher oder später wieder in den Markt gegeben.) Doch ebenso wie die Unabhängigkeit der Notenbanken wird auch dieser Grundsatz heute immer mehr in Frage gestellt. Damit gibt es für den Staat eigentlich keine Bremse mehr, die ihn daran hindern würde, sich zu verschulden und Geld auszugeben:

  • Die Notenbanken sorgen einfach dafür, dass die Zinsen nicht steigen. (Die Bank of Japan beispielsweise hat bereits 2016 den Zehnjahreszins bei 0 % „verankert“.)
  • Staaten müssen nicht mehr auf den Kapitalmarkt zurückgreifen, sondern können sich direkt durch die Zentralbanken finanzieren.
  • Die Privatwirtschaft und privaten Haushalte müssen keine Anhebung der Steuerlast befürchten.

Wir würden uns also in einer Situation befinden, in der politisch einvernehmlich handelnde Zentralbanken die beiden Hindernisse aus dem Weg räumen, die den Anstieg der öffentlichen Ausgaben bremsen: die Gefahr von Zinserhöhungen und das begrenzte private Anlagevermögen. Die Lösung ist so einfach, dass man sich fragt, warum sie nicht längst schon umgesetzt wird. Und warum nicht noch einen Schritt weitergehen: Private Haushalte konsumieren zu wenig? Man schickt ihnen einen Scheck. Ein Unternehmen gerät in Schwierigkeiten? Auch ihm schickt man einen Scheck. Gewerkschaften fordern höhere Löhne und Gehälter? Die Löhne und Gehälter werden erhöht. All dies würde natürlich zu einem Anstieg der öffentlichen Verschuldung führen, die der Staat durch die Ausgabe neuer Staatsanleihen finanzieren müsste. Das wäre aber nicht schlimm, weil ja die Zentralbank diese Anleihen mit dem von ihr selbst gedruckten Geld aufkaufen würde. Befürworter dieser Theorie würden mir entgegenhalten, dass die Regierungen ja zweifellos die richtigen Ausgaben tätigen würden und dass es ja um die Finanzierung „intelligenter Ausgaben“ gehe. Investitionen in die Infrastruktur zum Beispiel würden für Einnahmen sorgen und sich auf lange Sicht gewissermaßen selbst finanzieren. Ja, man darf träumen...

Theoretisch mag all dies funktionieren. In der Praxis jedoch zeigen die rezenten Beispiele Simbabwes und Venezuelas oder das historische Beispiel Deutschlands in den 1920er-Jahren, dass die Finanzierung öffentlicher Ausgaben durch das Anwerfen der Geldpresse desaströse Folgen hat.

Bevor wir uns diesen Folgen zuwenden, muss an eines erinnert werden. Damit all dies – sei es auch nur theoretisch – funktioniert, müssen die Zinsen unbedingt auf sehr niedrigem Niveau gehalten werden. Dies allein hätte bereits massive negative Auswirkungen:

 
FINANZMARKTANALYSEN
Guy Wagner, Managing Director von BLI - Banque de Luxembourg Investments, und sein Fondsmanager-Team veröffentlichen regelmäßige Finanzmarktanalysen. In unseren regelmäßig erscheinenden Artikeln entdecken Sie die Analysen unserer Anlageexperten.

Wie in meinem vorangegangenen Artikel ausgeführt, spielen für das Funktionieren einer Volkswirtschaft die Preise eine wichtige Rolle, allen voran der wichtigste Preis: der des Geldes, d. h. die Zinsen. Eine funktionierende Marktwirtschaft benötigt einen Mindestzinssatz, eine Art „Hurdle rate“. Die Vorteile niedriger Zinsen – vor allem für stark verschuldete Volkswirtschaften – sind leicht zu erkennen. Weniger offensichtlich sind indes die negativen Folgen wie zum Beispiel der Anstieg sozialer Ungleichheit, Probleme für Versicherungen und Pensionsfonds oder der künstliche Erhalt nicht rentabler „Zombie“-Unternehmen, der den Prozess der „konstruktiven Zerstörung“ verhindert und die produktive Investitionstätigkeit rentabler Unternehmen und damit das Wachstum bremst. Nullzinsen können zudem auch als eine massive Besteuerung des Sparvermögens angesehen werden. Da, wo der Staat früher eine Rendite von 3 % auf eine Anleihe zahlte und ein Teil dieser 3 % in Form einer Quellensteuer an ihn zurückfloss (wobei immerhin eine gewisse Rendite für den Anleger blieb), zahlt der Staat heute einfach gar nichts mehr.

Warum hat die Finanzierung öffentlicher Ausgaben durch die Zentralbanken im Allgemeinen katastrophale Folgen?

Zunächst einmal, weil sie die Inflation fördert. Über ein Haushaltsdefizit steigert der Staat die Nachfrage seiner Volkswirtschaft. Wenn er dieses Defizit über Staatsanleihen finanziert, die er am Kapitalmarkt begibt, schöpft er einen Teil des öffentlichen Sparvermögens wieder ab, das dann nicht mehr für Investitionen zur Verfügung steht. Eine durch den Staat geschaffene zusätzliche Nachfrage wird also durch eine Verringerung der privaten Nachfrage teilweise neutralisiert. Wird das staatliche Haushaltsdefizit hingegen direkt durch die Notenbank finanziert, bleibt dieser Effekt aus. Die Folge ist steigender Inflationsdruck. Theoretisch besteht natürlich die Möglichkeit, dass eine Regierung ihren Kurs ändern und die Ausgaben wieder senken könnte. In der Praxis sind Haushaltskürzungen jedoch politisch äußerst schwer durchzusetzen.

Die Finanzierung öffentlicher Ausgaben durch die (physische oder virtuelle) Geldpresse ist das beste Mittel, um das Vertrauen in das Geld zu zerstören. Ist dieses Stadium erst einmal erreicht, verwandelt sich eine steigende in eine galoppierende Inflation. Mit dem Vertrauen in Papiergeld ist es so eine Sache. Theoretisch ist der Vertrauensverlust in die Währung eines Industriestaats kaum vorstellbar. Praktisch sagt der gesunde Menschenverstand aber, dass ein Wirtschaftsgut, dessen Angebot immer weiter massiv steigt, früher oder später an Wert verliert. Man muss nur die Preisentwicklung auf dem Immobilien- und Kunstmarkt oder die Transfersummen im Profifußball betrachten, um zu verstehen, wie Geld seinen Wert immer mehr verliert.

Geld seinen Wert immer mehr verliert. Guy Wagner, Managing Director von BLI - Banque de Luxembourg Investments

Indem die Staaten ihre Währungen implizit abwerten, schaden sie jedoch nicht nur ihrer Wirtschaft. Eine solide Währung ist ein Zeichen des Vertrauens in die Zukunft. Sie stellt sicher, dass das heute aufgebaute Sparvermögen auch künftig noch verwendet werden kann. Die Geschichte zeigt, dass es eine enge Verbindung gibt zwischen dem Wertverlust einer Währung und dem Werteverlust einer Gesellschaft und ihren sozialen Verwerfungen. Schon 1921 schrieb J. M. Keynes: „By a continuing process of inflation, Governments can confiscate, secretly and unobserved, an important part of the wealth of their citizens. By this method, they not only confiscate, but they confiscate arbitrarily; and, while the process impoverishes many, it actually enriches some (…). Those to whom the system brings windfalls (…) become ‘profiteers’ who are the object of the hatred (…). The process of wealth-getting degenerates into a gamble and a lottery (…). Lenin was certainly right. There is no subtler, no surer means of overturning the existing basis of society than to debauch the currency. The process engages all the hidden forces of economic law on the side of destruction, and does it in a manner which not one man in a million is able to diagnose.”

Der Anstieg des Populismus zeigt, dass diese Entwicklung bereits in vollem Gange ist.

Dinge zu kritisieren, ist das eine. Konstruktive Gegenvorschläge zu machen, ist das andere. Wie aber kommt man nun aus dem Schlamassel? Wie vermeidet man, dass man von einer Krise in die nächste rutscht und Staaten zu immer verzweifelteren Mitteln greifen? Als erstes muss man anerkennen, dass das zentrale Problem der Weltwirtschaft und des Finanzsystems heute in der Überschuldung liegt. Das Problem ist noch ernster, wenn man das demografische Profil der Industriestaaten (und auch mancher Schwellenländer) und die damit einhergehenden nicht finanzierten Versprechen betrachtet. Als zweites muss man anerkennen, dass das Problem durch Haushaltsdisziplin oder Erhöhung der Steuerlast allein nicht zu lösen sein wird. Damit die Wirtschaft wieder auf eine gesunde Basis gestellt wird, von der aus sie neu starten kann, muss das Schuldenproblem ein für allemal gelöst werden.

Der angenehmste Weg, ein Problem der Überschuldung zu lösen, ist natürlich Wirtschaftswachstum. Geht man von einer bestimmten Schuldenquote (Verhältnis von Verschuldung zum Bruttoinlandsprodukt) aus, gilt: Wenn der Nenner schneller steigt als der Zähler, löst sich das Problem schrittweise von alleine. Es ist heute jedoch sehr schwer zu sehen, woher ein solches stärkeres Wachstum kommen könnte. Überschuldung und demografische Entwicklung sind vielmehr Faktoren, die das Wachstum hemmen.

Überschuldung und demografische Entwicklung sind vielmehr Faktoren, die das Wachstum hemmen. Guy Wagner, Managing Director von BLI - Banque de Luxembourg Investments

Ein zweiter Lösungsweg ist die Schaffung von Inflation. Inflation ist der Freund des Schuldners und der Feind des Gläubigers. Durch die Inflation könnten die Staaten die realen Kosten ihrer Schulden senken. Im erwähnten Quotienten aus Verschuldung und BIP hieße das: Der Nenner wird größer, und zwar nicht aufgrund eines stärkeren realen Wachstums (Produktivitätsgewinne und zunehmendes Waren- und Dienstleistungsangebot), sondern aufgrund der steigenden Preise für Waren und Dienstleistungen – so wie auch ein Unternehmen seinen Umsatz steigern kann, indem es seine Absatzzahlen oder seine Preise erhöht. Wie oben ausgeführt, birgt die Inflation allerdings ihre eigenen Risiken, zumal die Staaten einem Zinsanstieg entgegenwirken müssten, der in der Regel mit der Inflation einhergeht.

Es bliebe schließlich noch ein dritter Weg: Der Erlass (positiver ausgedrückt: die Umstrukturierung) der Schulden. Warum also nicht reinen Tisch machen? Warum stattdessen die Wirtschaftsakteure sogar noch ermuntern, sich noch tiefer zu verschulden, so wie es die Zentralbanken mittelbar tun?

Beim Schuldenerlass gibt es einen großen Verlierer: die Gläubiger. In der Diskussion um die öffentliche Verschuldung bei den Zentralbanken ist jedoch jüngst ein interessanter Gedanke aufgetaucht. Warum sollten die Notenbanken diese Schulden nicht einfach streichen? Da Regierung und Notenbank beide zum öffentlichen Sektor gehören (in den USA fließen die Erträge der Federal Reserve in den Staatsetat), würde ein solcher Schuldenerlass für den privaten Sektor keinerlei Verluste bedeuten. Der Verlust wäre von der Zentralbank zu tragen, deren Eigenkapital stark negativ würde – doch wen würde das kümmern? Andere schlagen vor, die Notenbanken sollten die aufgekauften Staatsanleihen in sogenannte ewige Anleihen (Anleihen ohne Laufzeitbegrenzung) ohne Zinsen umwandeln. Da diese Anleihen weiter als Aktiva in der Bilanz der Notenbanken geführt würden, müsste man kein negatives Eigenkapital ausweisen, obwohl diese Papiere in Wirklichkeit nichts wert wären. Damit könnte die Notenbank ihr Gesicht wahren; es hätte allerdings den Nachteil, dass das öffentliche Verschuldungsniveau dadurch nicht offiziell gesenkt wird.

Kann so etwas funktionieren?

Manche tun diesen Gedanken als geldpolitischen Taschenspielertrick ab, der das Vertrauen in das Papiergeld dauerhaft beschädigen könnte. Andere sind der Auffassung, dass die Idee durchaus funktionieren könnte, sofern:

  • klar ist, dass es sich um eine einmalige Sondermaßnahme handelt, die nie mehr wiederholt wird;
  • Leitplanken aufgestellt werden, die verhindern, dass die öffentliche Verschuldung erneut steigt (indem die Staaten zu einem ausgeglichenen Haushalt verpflichtet werden, eine Schuldenbremse ins Gesetz aufgenommen wird und man sich vor allem von der Idee einer Finanzierung öffentlicher Ausgaben durch die Zentralbank verabschiedet).

Auch praktische Fragen müssten geklärt werden. Sollen die Notenbanken nur die öffentlichen Anleihen abschreiben, die sie derzeit in ihren Bilanzen halten? Oder sollten sie vorher noch öffentliche Anleihen (ganz oder teilweise) vom Markt aufkaufen, um sie anschließend abzuschreiben? Dadurch würde die öffentliche Verschuldung noch stärker abgebaut. Die Bank of Japan hält heute bereits über 40 % der japanischen Staatsanleihen; in anderen Ländern ist diese Quote deutlich niedriger. All dies wird allerdings nicht das Verschuldungsproblem im privaten Sektor lösen.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet jedenfalls: Es gibt kein Füllhorn, und ebenso wenig gibt es kostenlose Patentlösungen. So oder so wird ein Preis zu zahlen sein, und viele werden ihn zahlen, auch wenn der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nicht so deutlich sichtbar sein wird wie z. B. bei einer Steuererhöhung:

  • Den Preis zahlen Sparer, die für ihr Sparvermögen keine Zinsen mehr erhalten und die zusehen müssen, wie dessen Kaufkraft dahin schmilzt.
  • Den Preis zahlt auch die breite Mehrheit der Bevölkerung, für die bestimmte Waren und Dienstleistungen immer weniger erschwinglich werden. Zurzeit betrifft dies vor allem Immobilien; künftig könnten aber auch noch andere Waren und Dienstleistungen betroffen sein.
  • Den Preis zahlt schließlich die Gesellschaft als ganze: durch geringeres Wirtschaftswachstum, zunehmende soziale Ungleichheiten, Verlust der persönlichen Verantwortung und schließlich der Freiheit des Einzelnen.

 

 

Guy Wagner, Managing Director

Nach seinem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften an der Université Libre in Brüssel kam Guy 1986 zur Banque de Luxembourg, wo er in der Folge die Leitung der Abteilungen Finanzanalyse und Asset Management übernahm. Seit 2005 ist er Managing Director von BLI - Banque de Luxembourg Investments.

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