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In der aktuellen Krise profitieren Familienunternehmen von ihrer langfristigen Vision und ihrer Belastbarkeit, auch wenn sie nun finanzielle Durststrecken durchstehen müssen, meint Philippe Depoorter. Doch auch die Zeit nach der Corona-Krise muss in den Blick genommen werden, damit das Land sein breit gefächertes wirtschaftliches Gefüge bewahren kann.

Paperjam – Mai 2020

Lebensmittel, Gastronomie, Transportwesen... Hinter vielen bekannten Firmen des Landes verbergen sich Familien mit einer manchmal über hundert Jahre alten Tradition, die sowohl ihr Geschäft als auch ihr materielles und immaterielles Vermögen bis heute von einer Generation zur nächsten weitergegeben haben. Familienunternehmen, von denen einige den Krieg und die meisten mindestens eine Wirtschaftskrise durchgemacht haben, müssen ebenso wie die anderen Wirtschaftsakteure des Landes die Folgen der Corona-Krise bewältigen. Aber macht vielleicht ihre DNA gerade ihre Stärke aus?

Das Hauptmerkmal von Familienunternehmen ist, dass sie nicht börsennotiert sind und langfristig denken. Philippe Depoorter, Mitglied der Geschäftsführung der Banque de Luxembourg und Leiter Unternehmen & Unternehmer

„In der ersten Phase der Corona-Krise konnten sie auf ihre finanziellen Rücklagen zurückgreifen. Diese hatten sie nicht aufgrund bestimmter Quoten gebildet, sondern aufgrund ihrer eigenen Mentalität. Wenn sie Geld verdienen, wird es in Produktionsmittel investiert. Ein Familienunternehmer zahlt sich selbst kaum Dividenden aus, weil er im Dienst des Unternehmens steht und nicht seines unmittelbaren Finanzvermögens. Denn der Wert seines Vermögens ist der Wert seines Unternehmen.“ Zu den Kunden der Banque de Luxembourg gehören bedeutende, mindestens fünf Jahre alte Familienunternehmen. Die Bank begleitet und berät sie, nicht nur in Finanzierungsfragen. Mit diesem Ansatz entspricht sie einer Privatbank und richtet sich sowohl an den Unternehmer als auch an das Unternehmen selbst.

Doch die Rücklagen der Familienunternehmen reichen nicht endlos. Der Monat Mai ist für viele daher zum entscheidenden Zeitpunkt geworden. Jetzt sollte der Geschäftsbetrieb wieder aufgenommen werden – wenn sich die Situation nicht weiter verschlechtern soll. „Wir haben festgestellt, dass Familienunternehmen bislang fest entschlossen waren, ihre Schulden möglichst fristgerecht zu begleichen: Alles, was gezahlt werden kann, wird auch gezahlt“, ergänzt Philippe Depoorter. „Wenn bei uns ein Zahlungsaufschub beantragt wurde, dann für einen kurzen Zeitraum. Manche wollen zwar Kredite aufnehmen, aber alle sagen uns, je weniger sie Zahlungen aufschieben, desto besser können sie ihre Buchhaltung in Echtzeit führen.“

Bedarf an Direkthilfen

Auch inmitten der Krise überwiegt der Grundsatz, dass Unternehmer ihr Geschäft umsichtig und verantwortungsbewusst führen wollen. Dies spiegelt sich beispielsweise darin wider, wie manche staatliche Hilfsprogramme zur Stabilisierung der Wirtschaft in Anspruch genommen werden. Tatsächlich haben Familienunternehmen weniger Interesse an den vom Staat garantierten Bankkrediten, da Zahlungsverpflichtungen damit aufgeschoben werden – mit der Unsicherheit, ob die Kredite bei Fälligkeit getilgt werden können. „Die vom Staat angebotenen Hilfen sind wichtig, notwendig und breit gefächert“, beobachtet Philippe Depoorter. „Die am meisten in Anspruch genommenen Maßnahmen der Unternehmen, die wir begleiten, sind Kurzarbeit, Urlaub aus familiären Gründen oder ein Zahlungsaufschub für ihre Verbindlichkeiten.“

 
Unternehmen und Unternehmer: Die Banque de Luxembourg setzt sich für Sie ein!
Am 25. März 2020 kündigte die luxemburgische Regierung ein Programm zur Stabilisierung der Wirtschaft an. Mit 21 Maßnahmen sollen die Wirtschaft und die Unternehmen in dieser Gesundheitskrise und angesichts noch nicht absehbarer wirtschaftlicher Folgen unterstützt werden.

Das Paket an – manchmal schwer verständlichen – staatlichen Hilfen war zwar in der ersten Phase der Krise, d. h. von Mitte März bis Ende April, zweifellos notwendig. Ausreichen wird es aber nicht. „Für die am stärksten betroffenen Branchen wie das Hotel- und Gaststättengewerbe, den Handel, Event-Veranstalter und Tourismus werden – je nach Dauer des Lockdown und der benötigten Zeit für eine anschließende Erholung – Direkthilfen meiner Einschätzung nach unverzichtbar sein. Diese Art von Hilfen fehlt aber momentan noch. Man kann den Unternehmen nicht vorschreiben, dass ihre Geschäfte geschlossen bleiben müssen, wenn sie gleichzeitig Fixkosten zu zahlen haben. Für diese Direkthilfen müssen akzeptable Modelle gefunden werden, je nach Umsatz und finanziellen Belastungen“, fasst Philippe Depoorter zusammen. Die staatliche Übernahme der Fixkosten von Unternehmen, die aufgrund der Krise geschlossen haben, fordert auch der luxemburgische Arbeitgeberverband UEL und sein Präsident Nicolas Buck. Die Regierung zieht hier jedoch offenbar nicht mit und ist der Ansicht, dass die verschiedenen Beihilfen schon sehr vielen Unternehmen ermöglichen, ihren Verbindlichkeiten nachzukommen.

Soziale Gerechtigkeit schaffen 

Bedeutet das, der Staat wird nicht überall helfen können? Wirtschaftsminister Franz Fayot (LSAP) weist diesen Gedanken in seinem Interview zwar zurück, bestätigt aber, dass die Krise für solche Unternehmen besonders ungelegen kommt, die bereits vor der Pandemie Schwierigkeiten hatten. „Das Argument der natürlichen Selektion, man könne nicht allen helfen, ist nicht vertretbar“, so Philippe Depoorter. „Vielmehr ist hier Solidarität nötig, die wiederum ein Wesenszug von Familienunternehmen ist. Denn nach der Gesundheitskrise und der Wirtschaftskrise wird die große Herausforderung in der sozialen Gerechtigkeit bestehen.“ Welche Gesellschaft wollen wir nach der Krise? Welche Faktoren werden in Zukunft den Mehrwert ausmachen? Das sind viele und entscheidende Fragen. „Man könnte meinen, dass wir auf eine Gesellschaft zusteuern, in der die Technologie den Mehrwert ausmacht, d. h. eine volldigitale Gesellschaft. Es geht um die Entscheidung, in welcher Art von Gesellschaft wir leben wollen“, gibt Philippe Depoorter zu bedenken. „Start-ups in Luxemburg werden umworben, während „klassischere“ neue Unternehmen vergessen werden. Die Krise erinnert uns daran, wie wichtig Kernberufe sind, die sozialen Zusammenhalt schaffen.“

Wichtiger, als das Überleben einzelner Unternehmen zu sichern, ist es, den dauerhaften Bestand eines breit gefächerten wirtschaftlichen Gefüges zu bewahren, einschließlich der kleinen und mittleren Unternehmen und der Handwerker. „Diese traditionellen Unternehmen sind sehr wichtig, weil sie zur Sozialstruktur der Wirtschaft des Landes gehören“, sagte der frühere Präsident der luxemburgischen Handelskammer Michel Wurth unlängst in einem Interview mit Paperjam. Könnte nicht die jetzige Zeit mit all ihren Überlegungen und Notfallplänen eine Chance sein, um neue Strukturen zur Begleitung von Familienbetrieben und kleinen Unternehmen zu schaffen, die vor der Herausforderung einer Unternehmensweitergabe stehen? Auch dies wäre eine Form der nationalen Solidarität. 

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